Pforzheimer Juden in den Vorhof der Hölle deportiert / 2013

Für viele der Frauen, Männer und Kinder, die von dieser Stelle aus – dem Kreisel an der Anshelm-/Güterstraße – mit dem Zug „in den Vorhof der Hölle“ (OB Gert Hager unter Bezugnahme auf Zitate von Betroffenen) fahren musste, war das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau die letzte Station ihres Lebens. In die Gaskammern geschickt wurden auch 44 Kinder, die sich oberhalb des Rhonetals in Izieu in einem Waisenheim sicher wähnten – und am Gründonnerstag 1944 von der Gestapo abgeholt und in den Tod geschickt wurden. Der deutsche Liedermacher Reinhard Mey widmete ihnen ein Lied – das gestern mit seiner Erlaubnis gespielt werden durfte. DEn Kontakt zu Mey hatte der Chef der christlichen Pfadfinder der Royal Ranger, Armin Zumrode, über einen anderen Liedermacher, den er seit vier Jahrzehnten kennt, Hannes Wader, eingefädelt. Wie im vergangenen Jahr legten die Royal Ranger im Gedenken an die Pforzheimer deportierten Juden – in ganz Baden und dem damaligen Gau Saarpfalz waren es an jenem Tag rund 6500 – Wackersteine nieder, die in den nächsten Wochen am Prellbock in den Boden eingelassen werden. Einer der Steine erinnert an Helmut Wolff. Seine Tochter, Käthe Schulz, wurde Zeugin, wie der Vater mit einem Köfferchen zum Zug gehen musste.


Käthe Schulz, am Samstag 108 Jahre alt geworden und älteste Pforzheimerin, war gestern vom „Haus Schauinsland“ an die Gedenkstätte gefahren worden. Umrahmt wurde die Veranstaltung, der auch die Landtagsabgeordnete Marianne Engeser (CDU) und Stadträte, Vertreter der Kirche und der jüdischen Gemeinde beiwohnten, von Klageliedern, des Chors der jüdischen Gemeinde und Gebeten, vorgetragen von Rabbiner Michael Bar-Lev und übersetzt durch Pfarrer Hans Ade.

Autor: Olaf Lorch-Gerstenmaier Pforzheim

Pforzheimer Pfadfinder verlegen Steine, um an Holocaust-Opfer zu gedenken / 2012

Heute vor 72 Jahren wurden die badischen Juden deportiert. Pforzheimer Pfadfinder verlegen Steine, um an Opfer zu gedenken.

 

Es fällt schwer, sich vor Augen zu führen, was an diesem Ort vor nunmehr 72 Jahren geschehen ist. Heute dominiert eine riesige gelbe Auto-Waschhalle das Landschaftsbild am Pforzheimer Hauptgüterbahnhof. Gegenüber davon steht ein altes Bahnhofsgebäude, dessen Fenster eingeschlagen sind.

Am 22. Oktober 1940 wurden an diesem Ort die Pforzheimer Juden in das südfranzösische Dorf Gurs am Rande der Pyrenäen deportiert. Insgesamt waren es 195 Bürger der Stadt, die auf unmenschliche Weise in viel zu kleine Eisenbahnwaggons gesteckt wurden.

 

Besonderes Andenken an Opfer

Gestern wurde das bestehende Denkmal, ein alter Prellbock, von dem ein Gleis ausgeht, um ein neues Element erweitert. Zwischen den Schienen liegen nun große Feldsteine, auf denen die Namen der 195 Opfer stehen, die die Gewalt der Nazis über sich ergehen lassen mussten. Das Projekt stammt von den christlichen Pfadfindern „Royal Rangers“ die anlässlich ihres 20-jährigen Bestehens, mit Hilfe des in Göbrichen lebenden Bildhauers Jean Pierre Morlais etwas ganz Besonderes erschaffen wollten. „Wir, der Gemeinderat, können solch eine Initiative nur Unterstützen“, sagte Stadträtin Dorothea Luppold (SPD), die an diesem Tag Oberbürgermeister Gert Hager vertat, und lobte das große Engagement der Pfadfinder.

 

Die jüdische Gemeinde war ebenfalls zahlreich erschienen. „Wir vergessen die Menschen nicht. Sie bleiben in unseren Köpfen und Herzen“, sagte der Pforzheimer Rabbiner Michael Bar-Lev. Deshalb sei es wichtig, auch weiterhin jährlich zu gedenken. Ebenfalls anwesend waren die Straßburger „Eclaireurs Israelites“, eine jüdische französische Pfadfindergruppe. Damalige Mitglieder dieser Organisation hatten ihr Leben riskiert, um Kinder aus dem Lager in Gurs zu befreien.

 

Armin Zumrode, Gründer der Pforzheimer „Royal Rangers“ machte in seiner Rede aber auch deutlich, dass die Problematik mit Fremdenfeindlichkeit weiterhin existiere. Man müsse, so Zumrode, weiter sehr wachsam sein. „Es ist nicht so lange her, als hier, an der Güterstraße, ein 14-jähriger Junge von Neo-Nazis gehetzt wurde und Todesangst hatte“, erinnerte sich der Pfadfinder. Der Junge habe sich nur durch die Hilfe eines wachsamen Ehepaars retten können, das ihm die Autotüre geöffnet habe und mit ihm geflüchtet ist. „Mein Wunsch ist, dass die Bürger Pforzheims sehr wachsam sind und wir alten die jungen Menschen auf jede Art von Mobbing und Ausgrenzung sensibilisieren“, so Zumrode abschließend.

Die offizielle Gedenkveranstaltung für die deportierten badischen Juden findet heute um 12.30 Uhr am Hauptgüterbahnhof statt.

 

Autor: Nezih Payzin | Pforzheim