Jesus in der Glocke begegnet
Von Udo Hintz
Da sitze ich im Konzerthaus Die Glocke in Bremen und warte auf das Programm. Es sind cirka 1000 Leute zugegen. Die Atmosphäre ist voller Erwartung, als würde gleich ein super Konzert beginnen. Statt dessen singt das gesamte Publikum christliche Lieder. Danach betritt ein Afrika-Missionar die Bühne. Was nun geschah hat mein Leben verändert.
Während der Fahrt mit dem Bus von Lilienthal zu dieser Veranstaltung traf ich zwei Mitschüler - ich war seinerzeit 17 Jahre alt - die mich fragten, wo ich hin wolle. Ich sagte ihnen wie selbstverständlich, „nach Bremen zur Glocke; da findet ein Gottesdienst statt an dem ich teilnehmen will." Als ich im Nachhinein diese Aussage reflektierte, dachte ich nur, „Mensch, ist das nicht verrückt?" Vor kurzem noch hätten mich keine zehn Pferde in einen Gottesdienst bekommen. Bis dahin hatte ich ein Kirchenhaus höchstens zu Besichtigungszwecken betreten. Am Religionsunterricht habe ich meiner Erinnerung nach ebenfalls nie teil genommen. Den Konfirmationsunterricht habe ich ebenfalls vermieden und mir gedacht, dass die viele Langeweile das Geld nicht wert ist, dass man am Ende des Konfus in der Regel erhält. Als meine Mutter mir im Alter von etwa 16 Jahren eine Taschengeldaufbesserung bot, wenn ich in die Jugendgruppe einer nahegelegenen Freikirche ginge - dadurch sollte wohl ein ordentlicher Mensch aus mir werden - bin ich ein oder zwei Mal dort hin gegangen und habe danach lieber auf das Geld verzichtet, da mir das Ganze irgendwie ein wenig befremdlich schien.
Eines Abends liege ich wach im Bett. Plötzlich sehe ich so etwas wie einen „Film" im Zeitrafferformat vor meinen inneren Augen. Dabei „sehe" ich mein bisheriges Leben, und was ich da sehe, pardon, kotzt mich an. In mir vernehme ich eine Stimme, „Gehe dort hin, wo deine Mutter war. Dort wirst du Leute finden, die haben, was du suchst." Nun weiß ich auch nicht, warum ich diese Erfahrung dahingehend deutete, eine bestimmte, nahegelegene Kirche besuchen zu wollen. Ich deutete es halt so, tat es aber zunächst nicht, weil ich mich nicht recht traute.
Nachdem ich die Gelegenheit ergriff, an einem Gottesdienst der Friedenskirche in Norddeich teil zu nehmen (dort würde mich niemand kennen können), hatte ich danach gewisse Berührungsängste so weit abgebaut, doch auch einmal die nahegelegene Freie Christengemeinde in meinem Wohnort Lilienthal aufzusuchen. Die Leute dort und das, was es dort zu hören und zu sehen gab, sprach mich sehr an. Irgendwer lud mich schließlich ein, an einem Gottesdienst einer befreundeten Kirche in der Bremer Glocke teil zu nehmen.
Da sitze ich also in der Glocke. Es wird für eine Rollstuhlfahrerin gebet, dass sie gesundet. Sie steht auf und geht sicher die großen Treppen auf der Bühne auf und ab!? Vorletztes Jahr sprach ich mit meinem mittlerweile verstorbenen Schwiegervater, Pastor Werner Gunia, der seinerzeit mit dieser Dame betete und mir mitteilte, dass sie in der Freien Christengemeinde Bremen seit langem allen bekannte war, und ihre spontane Gesundung in der Gemeinde natürlich nicht unbeachtet blieb. Ähnlich wie in der Lilienthaler Kirche war die Atmosphäre auch in der Glocke bemerkenswert. Begriffe wie die „Herrlichkeit Gottes" oder die Anwesenheit des „Heiligen Geistes" waren mir zu diesem Zeitpunkt natürlich fremd. Somit konnte ich meine dortigen Eindrücke nicht recht deuten und tat halt was ich konnte - ungläubig staunen.
Der Redner des Abends, Pastor Reinhardt Bonnke, begann zu predigen. Er sprach über den Joseph im Alten Testament der Bibel als über einen Mann, der Jesus Christus in vielerlei Hinsicht ähnlich war. So wie Joseph von seinen Brüdern abgelehnt wurde - „Willst Du etwa König über uns sein, willst Du etwa über uns herrschen?" - so wurde auch Jesus von seinen Landsleuten in Frage gestellt. Und anstatt ihn als Herrn und Gott zu akzeptieren haben sie ihn gekreuzigt. Reinhardt Bonnke in seiner kernigen und plakativen Art: „Jesus ist der Herr, und er will der Herr in deinem Leben sein!" Während ich ihn das sagen hörte, wuchs der Wunsch in mir, dass genau dies geschehen möge. Ferner wies der Redner darauf hin, dass Joseph seinen Landsleuten befahl, seine toten Knochen nicht im heidnischen Land Ägypten zu begraben, sondern dereinst ins gelobte Land mit zu nehmen und dort zu begraben. Daraufhin blickte er in die Menschenmenge und provozierte unverhohlen: „In den toten Knochen Josephs, der im Alter von 110 Jahren verstarb, war mehr Glaube und Leben, als in vielen Teenagern unserer Tage!" Ich hörte mir das an und dachte: „Der hat recht."
Als während dieses Gottesdienstes dazu eingeladen wurde, eine gelebte Beziehung mit Jesus Christus zu erbitten und dadurch ein Christ zu werden, bin ich dieser Einladung gefolgt. Somit begann ich
regelmäßig zu beten und spürte Gottes Gegenwart. Es wuchs in mir rasch der Wunsch, anderen über meine neue Entdeckung, den christlichen Glauben, zu berichten. Auch stellte sich bei mir eine
beständige und bis dahin vermisste Freude ein, die keiner besonderen Anlässe bedurfte. Mein schlechtes Gewissen war weg! Auch stellte sich umgehend das Bewusstsein ein, zu wissen wofür man lebt und
dass dieses Leben nur der Auftakt eines ewigen Lebens in der Gemeinschaft mit Gott ist.
Für mich persönlich ist der besagte Tag in der Glocke in vielerlei Hinsicht die Stunde Null. Davor verband ich mit Kirche und Religion nur Langeweile; danach wurde der Glaube für mich eine spannende
Sache. Davor wusste ich nicht so recht, wohin mit dem schlechten Gewissen; danach war das keine Frage mehr. Diese Davor-danach-Erfahrung betraf verschiedene wesentliche Bereiche meines Lebens,
inklusive Freizeitgestaltung, Berufswunsch, Beziehungsfragen, Gemütsverfassung etc.
Seither habe ich mit vielen Christen über Glaubensfragen gesprochen und festgestellt, dass die Glaubenserfahrungen so unterschiedlich sind wie die Leute selbst. Ein gemeinsamer Nenner tauchte allerdings bei allen auf, die nicht bereits als Kinder sozusagen in das Gemeindeleben hineinsozialisiert wurden: die Erfahrung der Stunde Null.
Möge die Schilderung, wie ich Christus in der Glocke begegnet bin, irgendwem helfen, ihn erstmals oder ein wenig besser kennen zu lernen.
